Ich erkläre hier kurz häufig verwendete Begriffe rund um Neurodiversität, Neuroregulation und die auf dieser Website genutzten fachlichen Konzepte. Das Glossar soll Orientierung geben und zentrale Themen auf vereinfachte, kompakte Weise zugänglich machen. Es ersetzt keine Diagnostik, sondern dient dem Verständnis und der Einordnung.
ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts‑Syndrom)
Aufmerksamkeits‑ und Regulationsweise mit Besonderheiten in Impulskontrolle, Fokus und Aktivierung. Keine Störung des Willens, sondern eine andere neurologische Organisation.
ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom)
Neurobiologische Besonderheit, bei der die Aufmerksamkeit schwerer regulierbar ist, ohne dass Hyperaktivität im Vordergrund steht. Heute meist als ADHS ohne Hyperaktivität bezeichnet.
AUDHS / AUDHD (Autismus + ADHS)
Gleichzeitiges Vorliegen von Autismus und Aufmerksamkeits‑Defizit‑Hyperaktivitäts‑Syndrom. Häufig übersehen, da sich Merkmale überlagern. Wichtig für passgenaue Unterstützung und ein neurodiversitätssensibles Verstehen.
Autismus / Autismus-Spektrum
Wahrnehmungs‑ und Verarbeitungsweise mit Besonderheiten in Kommunikation, sensorischer Verarbeitung und sozialer Interaktion. Das Autismus-Spektrum ist sehr vielfältig: Manche Menschen sind hochbegabt und leben selbstständig, andere benötigen aufgrund ihrer Beeinträchtigungen dauerhaft Unterstützung im Alltag, wieder andere benötigen Anleitung und Unterstützung und können ggf. lernen, selbstständig zu leben.
Asperger-Autismus
Bezeichnung für eine Form des Autismus, die früher als eigene Diagnose geführt wurde, heute Teil des Autismus‑Spektrums. Eine Wahrnehmungs‑ und Verarbeitungsweise mit besonderen Stärken und Herausforderungen, oft ohne sprachliche oder kognitive Beeinträchtigung.
Co-Regulation
Die gegenseitige Beruhigung und Unterstützung zwischen Menschen.
Co-Regulation beschreibt, wie das Nervensystem im Kontakt mit einem Gegenüber Sicherheit, Orientierung und Stabilität gewinnen kann – insbesondere wichtig bei Stress, Überforderung oder Dysregulation.
Dysregulation
Ein Zustand, in dem das Nervensystem Schwierigkeiten hat, psychische Erregungszustände, Emotionen oder Stress zu steuern. Dysregulation zeigt sich z. B. durch Überforderung, Rückzug, Reizbarkeit oder Erschöpfung und kann durch Belastung, Trauma oder neurodivergente Bedürfnisse verstärkt werden.
Embodiment
Die enge Verbindung zwischen Körper und Psyche: Gefühle, Gedanken und Erfahrungen zeigen sich im Körper – und körperliche Zustände beeinflussen, wie wir denken, fühlen und handeln. Embodiment beschreibt, dass Wahrnehmung und Veränderung sowohl über den Körper als auch über den Geist möglich sind.
Exekutive Funktionen
Exekutive – also ausführende – Fähigkeiten, die helfen, den Alltag zu steuern: Dinge planen, sich erinnern, Prioritäten setzen, anfangen, dranbleiben und flexibel reagieren. Diese Fähigkeiten können bei Stress, Überforderung oder neurodivergenten Profilen schneller an ihre Grenzen kommen.
Fight-Flight-Freeze
Automatische Stressreaktionen des Nervensystems: Kampf (fight), Flucht (flight) oder Erstarren (freeze). Diese Reaktionen dienen dem Schutz und treten bei Überforderung, Angst oder wahrgenommener Bedrohung auf – oft ohne bewusste Entscheidung.
Hohe Sensibilität / Hochsensibilität
Ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem Reize intensiver wahrgenommen und langsamer verarbeitet werden. Keine Diagnose und kein neurologisches Profil. Überschneidungen mit neurodivergenten Merkmalen
sind möglich. Hochsensibilität wird jedoch nicht zur Neurodiversität gezählt – auch wenn sie im Alltag häufig gemeinsam benannt wird. Sensitivität kann zudem durch Stress, Trauma oder belastende
Lebenssituationen verstärkt werden.
Masking
Bewusstes oder unbewusstes Anpassen, Verbergen oder Überspielen eigener Bedürfnisse, Reaktionen oder neurodivergenter Merkmale, um sozial „unauffällig“ zu wirken. Masking kostet viel Energie und kann zu Erschöpfung oder Überlastung führen.
Meltdown
Intensive Überforderungsreaktion des Nervensystems mit starkem emotionalem Ausdruck. Kein „Wutausbruch“, sondern ein Zeichen von Überlastung. Relevant für ein neurodiversitätssensibles Verstehen und Begleiten.
Neurodivergenz
Individuelle neurologische Entwicklungsweisen, die von gesellschaftlichen Normvorstellungen abweichen. Der Begriff betont Vielfalt statt Störung.
Neurodiversität
Natürliche Vielfalt neurologischer Entwicklungsweisen. Der Begriff richtet den Fokus darauf, dass Menschen unterschiedlich denken, fühlen und Reize verarbeiten – ohne diese Unterschiede zu bewerten.
Neuroregulation
Fähigkeit des Nervensystems, Erregung, Stress und Emotionen zu steuern und ins Gleichgewicht zu bringen. Zentral für Wohlbefinden, Lernen und eine neurodiversitätssensible Begleitung.
Bezeichnet Menschen, deren neurologische Entwicklung den gesellschaftlichen Normvorstellungen entspricht. Der Begriff dient als Gegenbegriff zu „neurodivergent“ und beschreibt keine Wertung, sondern eine statistische Mehrheit.
Shutdown
Überforderungsreaktion, bei der das Nervensystem in Rückzug, Erstarren oder Funktionsverlust geht. Oft leise und übersehen. Wichtig für traumasensible und neurodiversitätssensible Unterstützung.
Somatic Experiencing®
Körperorientierter Ansatz zur Verarbeitung von Stress und überwältigenden Erfahrungen. Unterstützt das Nervensystem dabei, Spannung abzubauen und wieder in Regulation zu kommen. Relevanz für traumasensible und neurodiversitätssensible Begleitung.
Systemisch
Haltung und Arbeitsweise, die Menschen im Kontext ihrer Beziehungen, Muster und Umwelten betrachtet. Fokus auf Beziehungen und Zusammenhänge statt auf Einzelpersonen. Relevant für Beratung, Therapie, Pädagogik und jede Form von ganzheitlicher Begleitung.
Window of Tolerance
Grafisch darstellbarer Bereich, in dem das Nervensystem stabil, reguliert und aufnahmefähig ist. Außerhalb dieses „Fensters“ kommt es zu psychischer Übererregung (Hyperarousal) oder Untererregung (Hypoarousal). Das Window of Tolerance kann durch das Erleben von Sicherheit, Co‑Regulation und Selbstregulation erweitert werden.
